Christen gegen die Kreatur 


Von Karlheinz Deschner - 2. Teil
Und heute? Klipp und klar erklärt 1993 der "Katechismus der Katholischen Kirche": "Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bilde geschaffen hat. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig ...".
Ja, hält dieser katholische Katechismus nicht weiter Tür und Tor offen für jede Scheußlichkeit gegenüber einer ganz und gar wehrlosen, ganz und gar schuldlosen, aber ganz und gar versklavten Kreatur? Gegenüber Geschöpfen, die oft in ihrem Erleben, Fühlen, wie Genetik, Biologie, Verhaltensforschung, wie ja auch alltägliche Erfahrungen zeigen, uns in vielem sehr ähnlich, uns nicht selten inniger, treuer zugetan sind selbst als menschliche Freunde? 

Doch fort und fort darf das animal rationale mit (nicht nur) katholischem Plazet Leichen genießen; fort und fort darf es weiter sich vollstopfen mit Fleisch und Fisch bis zum Rande seines Fassungsvermögens, wofür Jahr um Jahr Milliarden "Mitgeschöpfe" verröcheln müssen, weit mehr als die Hälfte unbetäubt; ist ja auch nach den EKD-"Texten" 41, 1991, das "Gewaltverhältnis" zwischen Mensch und Tier "grundsätzlich unaufhebbar". Und weiter darf der Mensch, laut "Weltkatechismus", sich geschäftlich der Tiere bedienen. Und wie bedient er sich? Indem er Robbenbabys vor den Augen ihrer Mütter zu Tode knüttelt. Indem er Karakullämmer gleichsam pränatal aus dem Mutterleib prügelt. Indem er in den Ferkel-, den Hühnerbatterien, den Mastboxen und Dunkelställen die ihm rettungslos, ihm wie Sachen, nein, wie Dreck Ausgelieferten derart zusammenpfercht, daß sie in ihrer Not einander Schwänze und Ohren abbeißen oder die eigenen Jungen fressen.
Und seit dem 11. Dezember 1996 erlaubt unsere christliche Regierung das Halten von noch mehr Tieren als bisher "pro Anlage ohne Genehmigung" - beinah dreimal soviel! Man bedient sich der ohnmächtigen Kreatur, der "Mitgeschöpfe", indem man ungezählte Kälbchen auf qualvollstem Transport ihren Schlächtern lebend, sterbend, schon krepiert, zukarrt, um die "Frühvermarktungs-", die "Herodes-Prämie" zu kassieren, ein Schimpf- und Schandgeld sondergleichen!
Das Monster der Schöpfung darf Tiere zum Amüsement gebrauchen. Und wie gebraucht es sie? Indem es Enten, Gänsen, Hühnern um die Wette die Köpfe abreißt. Indem es beim "Steer Busting" Tiere mit dem Lasso an den Hinterläufen fängt und herumschleift, bis sie sterben. Indem es Stieren, vor ihrem Todeskampf in der Arena, die Nase mit Watte verstopft, die Augen mit Vaseline verkleistert. Indem es an gewissen Heiligenfesten in Spanien mit pfarrherrlichem Beistand Ziegen und ihre Jungen lebend vom Kirchturm stürzt.
Und natürlich darf der Mensch auch künftig seine "Mitgeschöpfe" kaum vorstellbar gräßlich zu Tode schinden. Zwar sollen, einigen Fachleuten zufolge, Tierversuche für die Medizin wissenschaftlich wertlos sein - doch auch andernfalls wäre ich ausnahmslos dagegen.

Ihr Wert für die Wirtschaft aber ist unbestritten. Für den Vatikan, beteiligt an Pharmafirmen, ist diese fürchterlichste Tortur der Welt, diese gesammelte immerwährende Grausamkeit bis zum Tod, "sittlich zulässig". Auch und gerade für seine Heiligkeit Johannes Paul II. können Tiere "natürlich ... Gegenstand (!) von Experimenten sein", wie er am 23. Oktober 1982 verlauten ließ - von Experimenten, die der Hindu Ghandi "das schwärzeste aller Verbrechen" nennt. (Diesem Verbrechen fielen 1989 allein in Deutschland - nach einem allerdings sehr unvollständigen Regierungsbericht - 2,64 Millionen Tiere zum Opfer.)

Freilich, wie sollte die Gemeinschaft der Heiligen (und Scheinheiligen), wie sollte eine monopolistische Marktform im Mantel der Religion, die jahrhundertelang auch "Ebenbilder Gottes" unbarmherzig peinvoll-böse mund- und mausetot machte, deren phänomenalster Werbeautor Augustin, angeblich "umflossen vom milden Glanze unbegrenzter Güte" (Martin Grabmann), in Wirklichkeit Urvater aller mittelalterlichen Henkersknechte, schon um 400 sogar das Foltern - selbst von (schismatischen) Christen - nicht nur eine Bagatelle im Vergleich zur Hölle nennen, sondern geradezu als "Kur" (emendatio) heils- und inquisitionsgeschichtlich etablieren konnte,
wie sollte eine Kirche, die unmittelbare und mittelbare Mörderin von Hunderten von Millionen schuldloser Menschen, tierisches Leben nicht nur verbal, nicht nur sub specie momenti, und sei es mit noch so sonorer Phraseologie in Sonntagsreden, Tiergottesdiensten, durch Tieresegnen, Weihwasserbespritzen et cetera, sondern tatsächlich schützen? Wie sollte sie Tieren eine Seele zugestehen, die sie, beim Rauben fremder Länder, noch Menschen anderer Rasse und Lebensart absprach?
[...]
Immerhin gibt es Gottesdiener, beschämend wenige, die nicht bloß moderat für die "unbeweinte Kreatur" streiten (Joseph Bernhart), sondern die auch den "Verrat der Kirchen an den Tieren" geißeln (Carl Anders Skriver), dabei aber das Christentum rechtfertigen, reinwaschen wollen oder, wie der sicher meritenreiche Oxforder Theologe und Tierethiker Andrew Linzey, wenigstens den "Geist des Evangeliums", das doch ohne jeden bestimmten Anhalt dafür ist.

Nirgends lehrt Jesus: Schützt die Tiere - er tötet zweitausend. Mit Vorliebe sucht man heute das Alte Testament zu salvieren. Ungeachtet dutzendweiser wutschäumender Ausrottungsdirektiven seines Götzen betont man die angebliche Achtung der "Schrift" vor dem Leben, ihr altes Schöpfungswissen, die Schöpfungsgemeinschaft von Mensch und Tier et cetera - nichts als vages, sich auch schnell in Widersprüche verhaspelndes Gestammel oder glatte Heuchelei.
In aller Regel nämlich ist aus der Bibel ganz klar das Gegenteil herauszulesen und deshalb auch ganz klar das Gegenteil hervorgegangen.
Und zu dem Auftrag, der ihr so fatal voransteht und unserer Historie geradezu posaunenhaft präludiert, gehört nun einmal untrennbar der Nachhall, die Wirkung. Wie erbärmlich jedoch, die Wurzeln des Unheils im Alten Testament, im Christentum zu ignorieren und die Schuld dafür besonders und immer wieder auf das entchristlichte (gewiß nicht zu entlastende, hemmungslos entfesselte, nichts als profitgeile) Wirtschaftssystem der Moderne zu schieben (vgl. etwa die "Arbeitshilfen" 113, 1993, S. 7 f., des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz).

Denn wie Hitlers Tötung der Juden die terrible Konsequenz ihrer fast zweitausendjährigen blutrünstigen Verfolgung durch die Kirchen ist, so ist die jeder Beschreibung spottende moderne Vermarktung des Tieres nicht als die technisch forcierte und perfektionierte Fortsetzung eines nie abreißenden Massenmordes durch alle christlichen Zeiten, das Resultat letztlich des Anfangsschreis: "Machet sie euch untertan" - das umfassendste Unterjochungs- und Todesverdikt der Geschichte, infernalischer Auftakt der Deformierung eines Sterns zum Schlachthaus.
Seit zwei Jahrtausenden brüstet sich die Christenheit, das Tieropfer von Anfang an abgeschafftzu haben; stimmt. Und doch hat sie mehr Tiere geopfert als jede andere Religion - nur nicht mehr Gott, sondern dem eigenen Bauch.
Karlheinz Deschner ist Deutschlands schärfster Religions- und Kirchenkritiker. Bekannt ist vor allem sein auf zehn Bände angelegtes Hauptwerk »Kriminalgeschichte des Christentums«.
Quelle: »Die Zeit«, 22.8.1997, S.40


Das schwärzeste Verbrechen

Wenn man das alles liest und die Einstellung der Kirche zu Tieren und Frauen sieht (aber auch noch zu vielen anderen Dingen), sie auf das Übelste verleumdet und beleidigt, kann es für einen vernünftigen und konsequenten Mensch nur heißen: Raus aus der Kirche. Das ist auch ein Akt der Selbstachtung und der Redlichkeit. Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass ich da schon seit Jahrzehnten raus bin. Ich wünsche Karlheinz Deschner (geboren 1924) noch ein langes Leben.

Gruß Hubert